Dienstag, 4. August 2015
Horizontale 8.
Als die Frau zurückkommt, steht der Mann auf dem Garagenvorplatz und lächelt. Sie sieht ihn fragend an, aber er hält ihr seine Hand hin und sagt: Augen zu., erst in der Garage macht sie ihr Augen auf und sieht das Cabrio. Im Abendlicht fahren sie, sie sitzen im Fahrtwind und irgendwann tastet sie nach seiner Hand und so sitzen sie und schweigen und lächeln.

Am nächsten Tag geht die Frau in die Stadt, sie schlendert durch die Fußgängerzone, als plötzlich eine bekannte Stimme Hallo! ruft, die Rothaarige sitzt dort, mit ihrem Mann, ihren beiden Kindern, die Frau winkt und lächelt ihnen zu, sie schweigt und geht weiter. Sie weiß, der Mann wird heute in der Arbeit seine neue Kollegin kennenlernen. Sie hat gehört, dass sie hübsch sein soll.

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Horizontale 7.
Am nächsten Morgen wacht die Frau spät auf, grelles Licht scheint bereits durch die Vorhänge. Sie steht auf und geht nach unten in die Küche. Auf dem Tisch steht Frühstück, frische Brötchen, Kaffee in der Thermoskanne, Blumen. Ein Zettel: Musste zu einem Patienten, 1000 Küsse, ich liebe Dich., die Frau setzt sich, nimmt den Zettel in die Hand, plötzlich knüllt sie ihn zusammen und schreit auf, sie weint.

Kurz darauf verlässt sie das Haus, sie fährt mit dem Bus zum Bahnhof, dann weiter mit der Bahn, sie sieht ihr Spiegelbild in der Scheibe an, sie sieht sich selbst in die Augen, lange, eindringlich, aber keiner zwinkert, keiner sieht weg. Sie starrt die ganze Fahrt über in ihr eigenes Gesicht, aber es will einfach keine Reaktion kommen.
An der ihr bekannten Haltestelle steigt sie aus. Den Rest läuft sie zu Fuß, sie kennt den Weg, sie kennt ihn gut von unzähligen Malen, den sie ihn gelaufen ist. Dort vorne noch bis zum Hochhaus, dann ums Eck hinein ins Wohngebiet, dort drüben vorbei an den Gartenzäunen hin bis zu einem Kindergarten. Sie stellt sich vor das Gittertor, Kindergeschrei vermischt sich mit Vogelsingen, sie sieht einige Kinder, die soeben nach außen gebracht werden, von zwei Frauen. Die eine sieht sie an und sie sieht zurück. Die Rothaarige sagt zu ihrer Kollegin: Warte kurz, ich bin gleich zurück.
Sie läuft auf die Frau zu, schnell, und Schritt für Schritt lächelt sie mehr: Na endlich, sag mal, wo warst du denn die ganze Zeit?, aber die Frau sagt nichts. Die Rothaarige kommt aus dem Gittertor und zieht die Frau beiseite: Ich habe dich vermisst. Die Frau sagt: Ich dich doch auch, und küsst die Rothaarige.

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Montag, 27. Juli 2015
Horizontale 6.
Das Handy des Mannes vibriert und vibriert, abwechselnd Nachrichten und Anrufe, er sitzt daneben, hat die Brille abgenommen und sieht müde aus. Die Frau stellt ihm einen Kaffee hin: Willst du nicht mal drangehen?, aber er schüttelt den Kopf. Die Frau geht zurück in die Küche und schneidet weiter Gemüse, als sie durch das Küchenfenster einen Sportwagen vorfahren sieht. Die Geliebte steigt aus, ihr Gesicht hat sich vor Wut rot verfärbt, sie wirft knallend die Autotür zu und läuft, rennt zur Haustür. Im nächsten Moment klingelt es Sturm. Der Mann erhebt sich langsam von der Couch und geht nun, wie wenige Tage zuvor seine Frau zur Schwiegermutter, mit diesen Schritten vorwärts zur Tür, mit diesen Schritten, die sich wünschten, sie würden in die andere Richtung führen.
Als er die Tür öffnet, schreit ihm die Geliebte entgegen: Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Glaubst du, ich lasse sowas mit mir machen? Dass du mich einfach ignorierst, du bist das Allerletzte - meinen Job und die Wohnung habe ich gekündigt, das war es für mich, schreit sie und wirft ihm eine Tasche mit seinen Sachen, die er in ihrer Wohnung hatte, entgegen. Sie dreht sich um, stößt sich an dem Blumenkübel neben der Tür, schreit noch einmal vor Wut laut auf, setzt sich in den Wagen und fährt mit durchdrehenden Reifen vom Vorplatz.

Die Frau, die dem Wagen noch durch das Küchenfenster nachsieht, murmelt: Irgendwie kann ich sie ja verstehen., seufzt, und geht ins Wohnzimmer. Der Mann hat sich wieder auf die Couch gesetzt und vergräbt das Gesicht in seinen Händen. Die Frau setzt sich neben ihn, legt ihren Arm um ihn und zieht ihn an sich. Er weint. Nun komm, wird doch alles wieder., sagt sie, hält ihn fest und streichelt seinen Rücken und sein Haar. Gegenüber steht das Hochzeitsbild. Sie sieht es lange an.

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